Natürlicher Gegenspieler der Marmorierten Baumwanze erstmals in Österreich entdeckt
Wiener Kleingärten erneut im Mittelpunkt der Biodiversitätsforschung
Wie hat sich die Artenvielfalt in den Wiener Kleingärten in den vergangenen Jahren verändert? Dieser Frage geht die AGES – Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit GmbH im Rahmen einer erneuten Biodiversitätsstudie nach, die vom Zentralverband der Kleingärtner Österreichs unterstützt wird.
Bereits die erste Untersuchung aus den Jahren 2016 bis 2019 lieferte bemerkenswerte Erkenntnisse über die Vielfalt an Pflanzen und Tieren in unseren Kleingartenanlagen. In 38 Gärten in vier Wiener Gemeindebezirken wurden unter anderem 391 Pflanzenarten beziehungsweise -gattungen, 109 Wanzenarten und 76 Zikadenarten dokumentiert.
Die Wiederholung der Studie soll nun zeigen, wie sich die Artenvielfalt seither entwickelt hat. Dabei gelang den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der AGES bereits eine besondere Entdeckung: In einem Kleingartenverein im 15. Wiener Gemeindebezirk wurde erstmals in Österreich die Schlupfwespenart Trissolcus japonicus nachgewiesen. Ein wissenschaftlich bedeutender Fund, der auch für die natürliche Regulierung eines gefürchteten Gartenschädlings von Interesse ist.
Was wurde entdeckt?
Bei Trissolcus japonicus, auch Samuraiwespe genannt, handelt es sich um eine winzige, ursprünglich aus Ostasien stammende Schlupfwespe. Mit einer Körpergröße von nur etwa zwei Millimetern bleibt sie im Garten meist unbemerkt. Für Menschen ist sie ungefährlich.
Das Besondere an dieser kleinen Wespe ist ihre Fortpflanzungsweise: Sie legt ihre Eier in die Eier bestimmter Wanzenarten. Dort entwickeln sich ihre Larven auf Kosten des Wirtes. Anstelle einer jungen Wanze schlüpft schließlich eine neue Schlupfwespe.
Diese als Parasitierung bezeichnete Lebensweise macht die Samuraiwespe zu einem natürlichen Gegenspieler der Marmorierten Baumwanze (Halyomorpha halys). Der österreichische Erstnachweis erweitert die wissenschaftlichen Erkenntnisse über ihre Verbreitung in Europa. Ob sich die Art hierzulande bereits dauerhaft etabliert hat, müssen weitere Untersuchungen zeigen.
Ein natürlicher Gegenspieler der Marmorierten Baumwanze
Die ursprünglich ebenfalls aus Ostasien stammende Marmorierte Baumwanze hat sich in den vergangenen Jahren in weiten Teilen Europas ausgebreitet. Auch in Österreich ist sie mittlerweile anzutreffen und stellt sowohl für den Erwerbsobstbau als auch für private Gärten eine Herausforderung dar.
Die Wanze ernährt sich von den Pflanzensäften zahlreicher Kulturpflanzen. Mit ihrem Saugrüssel sticht sie unter anderem Äpfel, Birnen, Tomaten und Paprika an. Dadurch entstehen Verfärbungen, eingesunkene Stellen oder Verformungen, welche die Qualität der Früchte beeinträchtigen. Im Herbst suchen die Tiere zudem geschützte Überwinterungsplätze und gelangen dabei häufig in Gartenhäuser und Wohngebäude.
Ihre Bekämpfung ist schwierig, da die Marmorierte Baumwanze sehr mobil ist, zahlreiche Wirtspflanzen nutzt und sich unter günstigen Bedingungen stark vermehren kann. Umso wichtiger sind natürliche Gegenspieler, die zur Regulierung ihrer Bestände beitragen können.
Genau hier liegt das Potenzial der Samuraiwespe: Indem sie die Eier der Marmorierten Baumwanze parasitiert, verhindert sie, dass sich daraus neue Schädlinge entwickeln. In ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet trägt sie auf diese Weise zur natürlichen Regulierung der Wanzenpopulationen bei.
Untersuchungen aus anderen europäischen Ländern zeigen zudem, dass die Samuraiwespe auch Eier der eingeschleppten Grünen Reiswanze (Nezara viridula) schädigen kann. Ob sie damit langfristig zur Regulierung dieses ebenfalls gefürchteten Gartenschädlings beiträgt, ist derzeit noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
Der Erstnachweis in Wien eröffnet somit interessante Perspektiven für die Erforschung der natürlichen Schädlingsregulierung. Er bedeutet allerdings nicht, dass die Marmorierte Baumwanze nun automatisch unter Kontrolle ist. Ob und in welchem Ausmaß die Samuraiwespe künftig zu ihrer Eindämmung in Österreich beitragen kann, werden weitere Beobachtungen zeigen.
Erstnachweis des Eiparasitoiden Trissolcus japonicus (Ashmead) (Hymenoptera: Scelionidae) in Österreich
Veröffentlicht im Journal für Kulturpflanzen
Bd. 78 Nr. 01 (2026)
https://ojs.openagrar.de/index.php/Kulturpflanzenjournal/article/view/18452 (CC-BY-Lizenz)
Im Sommer 2026 wurden in zwei Kleingärten des 15. Wiener Bezirks an Apfel (Malus spp.) und an Wein (Vitis spp.) Eigelege der Marmorierten Baumwanze (Halyomorpha halys) entdeckt. Die Untersuchungen ergaben eine Parasitierung durch die Samuraiwespe (Trissolcus japonicus). Dies ist der erste Nachweis von T. japonicus in Österreich.
Artenvielfalt – ein Gewinn für Kleingärten und unsere Städte
Der bemerkenswerte Fund verdeutlicht einmal mehr die Bedeutung unserer Kleingärten als Lebensräume. Inmitten dicht bebauter Stadtgebiete bieten sie zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Nahrung, Schutz und Möglichkeiten zur Fortpflanzung.
Eine hohe Artenvielfalt sorgt für ein funktionierendes Ökosystem: Bestäuber unterstützen die Fortpflanzung der Pflanzen, Bodenorganismen fördern die Bodenfruchtbarkeit und natürliche Gegenspieler helfen, Schädlinge zu regulieren. Gleichzeitig tragen Kleingartenanlagen zur Abkühlung der Stadt bei, ermöglichen die Versickerung von Regenwasser und verbessern das Stadtklima.
Jede Kleingärtnerin und jeder Kleingärtner kann dazu beitragen, diese Vielfalt zu erhalten und zu fördern. Heimische Blühpflanzen, naturnahe Hecken sowie kleine Laub- und Totholzbereiche schaffen Nahrung und Lebensräume für zahlreiche Nützlinge. Auch der weitgehende Verzicht auf Pflanzenschutzmittel unterstützt ein gesundes ökologisches Gleichgewicht.
Der wissenschaftliche Erstnachweis der Samuraiwespe verdeutlicht, wie wertvoll die Erforschung unserer Kleingärten ist. Gleichzeitig zeigt er, dass diese weit mehr als private Erholungsräume sind: Jeder naturnah gestaltete Kleingarten leistet einen Beitrag zu mehr Artenvielfalt und einer lebenswerten Stadt.